Von Wasser, Sand und Schlick – Weser 2011

Impressum

Von Wasser, Sand und Schlick –
die Weser runter von der Allermündung bis Nordenham
Verden-Bremen 42 km; Bremen-Juliusplate 31 km; Juliusplate-Nordenham 29 km
Wir wollen unsere diesjährigen Weserfahrten abrunden mit einer Tour von Verden über
Bremen nach Nordenham, wobei mir nur das letzte Teilstück bekannt ist, Renate und Fritz
nur das erste. Dazwischen liegt Niemandsland, das es zu erkunden gilt.
Erfahrung Nr. 1: Ein Fahrzeug am Starttag nach Nordenham vorzubringen kostet zu viel
Zeit. Das hätten wir am Vorabend machen sollen. (Aber man hat ja noch andere Aufgaben
als Paddeln und jeden zusätzlichen Tag muss man sich zu Hause erkaufen.)
So kommen wir am Dienstag erst am Mittag von Verden weg. Das Auto kann man gut beim
WSV Verden stehen lassen. Beim Abholen nach drei Tagen geben wir eine Spende für die
Jugendkasse. So etwas vergisst sich leicht.
Nach fünf Kilometern lassen wir uns bei
Weser-km 326,4 in die Weser spülen und
können
nicht richtig entscheiden: Ist nun die Weser
breiter am Zusammenfluss oder die Aller?
Deutlich breit liegt der Verdener Dom
hinter uns, deutlich sichtbar mit dem
deutlich zu kleinen Turm, der an das
mächtige Kirchenschiff geklebt ist.
Wir haben angenehme Temperaturen bei
leicht bedecktem Himmel und sind bei
leichter Strömung bald bei km 329,4
angekommen, wo uns nicht nur die Wehranlage Langwedel den Weg versperrt, sondern
auch ein Arbeitsschiff der Wasserbehörde, das am Kanuanleger liegt, den wir gleich
benutzen wollen mitsamt der Bootsschleppe mit Gleiswagen.
„Wartet kurz, wir legen gleich ab!“, ruft man uns zu und bald darauf haben wir mein Boot
als erstes zum Unterwasser geschleppt.
Die Lore ist noch schwerer zu bedienen als im Flussführer steht, aber mit dem eigenen
Bootswagen kommt man an dem Unikum auch nicht vorbei. Im Unterwasser reicht die
Schienenlänge bei dem aktuellen Wasserstand nicht aus, um Boote so weit in den Fluss zu
schieben, dass sie aufschwimmen könnten. So muss man auf rutschiger und scharfkantiger
Steinschüttung noch ein paar Meter nach vorn hampeln, um das Boot ins Wasser zu ziehen.
Beim Transport des zweiten Bootes müssen wir erkennen, dass mindestens (!) zwei Leute
notwendig sind, um den Gleiswagen zu beherrschen: Kommt der auf der Abwärtsstrecke
in Fahrt, ist er nicht mehr zu halten und es entsteht
ein hohes Unfallrisiko!
Erfahrung Nr. 2: Unnötige Eile muss man manchmal
mit großer Wartezeit als Folgebezahlen! (Zum
Glück: einigermaßen gut gegangen!)
Zwischen km 330 und 335 liegt vor uns ein
Arbeitsschiff, von dem wir erst sehr spät erkennen,
dass es sich überhaupt bewegt. Beim näher Kommen
sehen wir, dass es an seiner rechten Seite mit einem
Schwenkarm arbeitet, an dem ein Metallkorb befestigt ist. Was die wirklich machen, ist erst
einmal unwichtig für uns: Wir entscheiden uns dafür, links vorbei zu fahren, bis uns ein
wild gestikulierender und rufender Arbeiter stoppt und uns zum Vorbeifahren an der
rechten Seite auffordert, weil sich der Kahn langsam aber sicher auf die linke Uferseite zu
bewegt.
„Was macht Ihr hier überhaupt? Hier ist heute Vollsperrung!“ Es entwickelt sich ein kurzer
Disput zwischen uns und dann sind wir auch schon vorbei – ohne erkennbares Risiko. Jetzt
wird uns aber klar, dass das rot-weiß-rote Rechteck, das wir vor ungefähr einem Kilometer
gesehen hatten, tatsächlich eine aktuelle Vollsperrung für alle Fahrzeuge gekennzeichnet
hatte. Es war nicht die österreichische Fahne, wie ich dem Schiffsführer glaubhaft machen
wollte und es war auch nicht so, dass die wohl mal ein Schild übrig hatten, wie Fritz meinte.
Aber: Was macht ein Paddler auf Gepäckfahrt, wenn auf freier Strecke so ein Schild
auftaucht?
Bisher hatten wir das Sperrschild ja immer nur als Dauerkennzeichnung an Wehren,
Abzweigungen usw. kennen gelernt; aktuelle Flusssperrungen hatten wir alle drei noch nicht
erlebt.
Dies Thema sollten wir spätestens bei der nächsten Sicherheitsschulung ansprechen!
Erfahrung Nr. 3: Zu diesem Thema mindestens bei der Befahrung von schiffbaren
Gewässern bei Fahrtvorbereitung auf der DKV-Seite nach Hinweisen suchen.
Bei aktuellen Sperrungen fällt das Schild dadurch auf, dass es sehr neu und sauber aussieht.
Gut gegangen!
Bald erreichen wir den Zusammenfluss von Weser, Schleusenkanal und Aller bei Achim
und sehen dann auch das Gegenschild für die Sperrung.
Von der Höhe des Prallhanges grüßen ältere und neuere Villen von Menschen zu uns
hinunter, die sich durch längere harte körperliche Arbeit so ein Häuschen mit Flussblick
redlich verdient haben, während wir unter Einsatz harter körperlicher Arbeit unsere Kajaks
auf Bremen zu treiben.
Das Flussufer mit dahinter liegender Landschaft ist auf ganzer Strecke weicher gezeichnet
als die Teilstücke von Minden bis Nienburg und von Nienburg bis Dörverden, welche wir in
den vergangenen Wochen erpaddelt hatten: hier unten gibt es viele schöne Sandbänke –
jedenfalls bei aktuellem Wasserstand – die zur Rast einladen und auch an vielen anderen
Stellen kommt man mal ganz gut aus dem Boot, wenn es sein muss. Auf den oben
erwähnten Strecken gibt’s kilometerweit keinen Platz, „an dem man mal raus kann“.
Die Naturlandschaft wird nach und
nach abgelöst und aufgelöst.
Campingplätze oder besser:
Wohnwagenabstellplätze,
Laubenkolonien, Bootsanleger, vorbei
zischende Motorflitzer, Eisenbahnund
Autobahnbrücke signalisieren
uns: Wir haben Bremen erreicht!
Bald sehen wir auf der rechten
Weserseite eine riesengoße
Kaffepackung in Originalgestaltung in
typisch grüner Farbe und weil der Wind es so will, bekommen wir die „Dröhnung“ auch in
Gestalt des Röstgeruches.
Rechtzeitig vor nachfolgendem Schiffsverkehr kreuzen wir die Hauptfahrrinne nach links ,
nachdem wir an den Binnenschiffhäfen vorbei sind und erreichen auf der linken Weserseite
die Weserschleuse Bremen-Hemelingen, die die Gezeitengrenze markiert.
Fritz bedient aus dem Zweier heraus den Schwarzen Knopf, der uns die Einfahrt in die SBSportbootschleuse
öffnet und dann die Ausfahrt- Alles voll automatisiert, Leuchtschrift sagt
dir, was du zu tun hast – kein Irrtum möglich. Paddlersicher! - Man muss bei der Planung
eine knappe halbe Stunde dafür einrechnen, der Tidenhub beträgt hier 3,90 m, bei
Niedrigwasser dauert es, bis die Schleusenkammer den entsprechenden Stand erreicht hat.
Und wir haben Niedrigwasser! Fast! Und wir haben ca. 20.00 Uhr. Und wir haben langsam
Dämmerung bei bedecktem Himmel. Und wir haben keine Bootsbeleuchtung dabei.
Also beeilen wir uns den letzten guten Kilometer bis zum Bootshaus der Bremer Kanu-
Wanderer. Der Bootsanleger ist gut zugänglich, bei NW kann man an einer sandigen Bucht
gut anlegen, das schwere Gepäck ausladen, die Boote auf den Anleger heben und oben auf
einer herrlich satten Zeltwiese schnell die Zelte aufschlagen, während Renate schon den zu
Hause vorbereiteten Borschtsch aufwärmt. Der dann uns aufwärmt, denn so langsam wird es
kühl. Es ist nach neun Uhr und wir sind seit Fünf auf den Beinen.
Das Gelände ist zur Straßenseite mit sehr (!) hohen Zäunen abgesichert. Deshalb kann sich
der Verein eine gewisse „Offenheit“ erlauben.
Wir finden Selbstversorgerküche mit Essraum und hervorragende sanitäre Anlagen vor, die
aufgrund besonderer Umstände für Kanuwanderer, die von der Wasserseite kommen,
zugänglich sind. Wer von der Straßenseite kommt, muss sich anmelden.
Nach einem einzigen Bierchen, dass Fritz „zufällig“ mitgenommen hat, sind wir früh in den
Schlafsäcken und die Motorgeräusche der vorbei fahrenden Frachter und das Dröhnen der
auf dem Flughafen Bremen startenden Maschinen, die Urlauber zu ihren Abenteuern und
Nicht-Abenteuern in fremde Länder bringen, stört unser Einschlafen nicht, sondern ist Teil
der Ruhe, die uns nach langem Paddeltag umfängt.
Zweiter Tag: Es ist wieder fünf Uhr. Vom Nachbarzelt kommen die ersten
Abstimmungsgespräche eines Paddler-Ehepaares, während mir nur mein eigenes inneres
Gefühls-Ich sagt: „Bleib noch ein bisschen liegen! Du bist nicht mehr im Berufsleben! Du
kannst morgens verdammtnochmal ausschlafen!“ Dann zwingt mich aber mein zweites
Vernunft-Ich aus dem warmen Schlafsack in die graue, aber milde Sommerdämmerung,
weil es weiß, dass die Tide ab 6.24 Uhr abläuft und wir nur mit ablaufendem Wasser unser
Tagesziel bei Julius-Plate erreichen können. Kalte Dusche und dann gemeinsames
Frühstück im Bootshaus mit Kaffee aus elektrischem Heißwasserbereiter und nicht vom in
jedem Paddlerbericht vorkommenden „fauchenden Benzinkocher“, Packen und Verstauen
mit dem üblichen Gerödel und um sieben sind wir auf dem Wasser!
Blauer Himmel, ein paar Schönwetterwölkchen, auf dem Weserdeich Radler auf dem Weg
zur Arbeit, Jogger vor der Arbeit auf dem Weg zum durchtrainierten Ich.
Das teiltransparente Stadion von Werder Bremen habe ich aus dieser Perspektive auch noch
nicht gesehen.
Die Stimmung ist friedlich mit den beiden aufzeigenden Fingern des St. Petri-Domes, der
uns schon seit dem Start den Weg zur Bremer Innenstadt zeigte.
Von rechts grüßen die Gebäude der DGzRS und der DLRG in diese Morgenstimmung
hinein und erinnern uns daran, dass Wassersport auch der Retter im Hintergrund bedarf.
(Wann hast du zuletzt gespendet?).
Eine laute Brücke mit Eisenbahn und
Straßenbahn und Autoverkehr leitet
über zum Lärm des Europahafens
mit allem, was dazu gehört. Inclusive
lautsprecherstimmendominierte
Rundfahrt auf Rundfahrtschiff, dem
aber auf Höhe der drei Paddler in
zwei Kajaks die Sprache wegbleibt,
weil es an uns nichts zu beschreiben
gibt. So müssen sich die wenigen
Bordgäste ihr eigenes Bild von uns
machen.
Die Hafenanlagen ziehen sich; die verschiedenen Hafenanlagen und Piers haben
unterschiedliches zu bieten; so passieren wir eine alte Hansekogge, ein Feuerschiff, ein mit
Geschützen bestücktes altes Schiff und letztlich sogar die „Rainbow Warrier“ von
Greenpeace, die bei einer kleinen Reparaturwerft oder einem Ausrüster liegt. Es hat seine
eigene Stimmung, die vielleicht bei Regengrau ganz anders wäre: Wir genießen die Fahrt
durch eine erwachende Stadt und einen betriebsamen Hafen als Industrie-Idylle mit all
ihrem Lärm und Verkehr!
Am Klöcknerhafen vor den
Stahlwerken Bremen wird
tatsächlich noch Eisenerz aus
einem Massengutfrachter
gelöscht! Eine kurze grüne
Unterbrechung, dann breiten
sich Flugplatz und Hallen von
Lemwerder auf der linken
Weserseite aus, während von
rechts die Wohntürme, riesigen
Eisbergen gleich, aus Bremen-
Vegesack weiß schimmernd vor
blauem Himmel herüber grüßen.
Bei km 25 läuft Bremen rechts
mit Blumenthal und Farge
allmählich aus und geht in
Landschaft über, während links
schon seit einiger Zeit helle
Sandstrände zu uns herüber
leuchten. An der Juliusplate
landen wir, um bei einer Brotzeit
auszuruhen und über unser
Quartier zu befinden. Das
Wasser ist fast abgelaufen, die
Sande werden immer breiter.
Einige Tagesgäste mit und ohne Boote ergehen sich am Ufer. Hinter einem schmalen
Wasserarm liegt ein Restaurant, und der Campingplatz, auf dem wir übernachten wollen,
liegt sichtbar hinter der Straße von Berne nach Farge, die durch eine Fährverbindung
überbrückt wird.Wir beschließen einen halben Kilometer weiter zu paddeln, um auf Höhe
des Campingplatzes anzulanden. Das war wohl nichts! Eine grobformatige Steinschüttung
sagt uns, dass an Paddler hier nicht gedacht wurde; jedenfalls bei NW ist ein Anlanden hier
nicht möglich oder zumindest für die Boote nicht gut.
Der nächste Platz liegt auf der rechten Weserseite und ist ebenso wenig einladend,
außerdem wirken zwei Reihen Dauercamper- Wohnwagen als zusätzliche Abschreckung
Da die Karte auf der linken Seite
wieder ausgedehnte Sande zeigt,
auf denen auch Rastplätze
eingezeichnet sind, ist unsere
Entscheidung bald gefallen: Hier
bleiben wir!
Bauarbeiter, die mit einem kleinen Bagger damit beschäftigt waren, Pfähle und Reisigbunde
als Faschinen zur Uferbefestigung umzuformen, beenden gerade ihr Tagewerk, so dass
Ruhe einkehrt. Wir schleppen Boote und Ausrüstung ganz hoch über den Sandstrand zu
einem trockenen Rain jenseits des Betonweges und errichten unsere Zelte vor halbhohem
Bewuchs, der uns vor Westwind schützt.
Nach einem kleinen Imbiss in Form von Kartoffelsalat und Frikadellen ist Faulenzen und
ein Mittagsschläfchen angesagt – nicht übel nach zwei Tagen mit sehr frühem Aufstehen!
Die Sonne strahlt noch warm vom Sommerhimmel – wer hätte mit solch einer Urlaubsidylle
mitten in dieser zersiedelten Landschaft gerechnet!
Später bezieht es sich und der Wind dreht auf Nord – es wird merklich kühler. Renate lädt
zu einem leckeren Gemüsecocktail mit Mayo und überredet die faulen Männer zu einem
Rundgang über den Werder, auf dem wir hier gelandet sind. Wir kommen ins Gespräch mit
einem einheimischen Fotografen, der uns Interessantes über den Bunker erzählt, der
unübersehbar auf der anderen Seite aufragt und in dem in der Schlussphase des letzten
Krieges U-Boote aus angelieferten Segmenten zusammengebaut und direkt ins Weserwasser
gelassen werden sollten. Nun soll der Koloss für die Öffentlichkeit frei gegeben und auch
als Aufführungsplatz für Kulturveranstaltungen
umfunktioniert werden.
Nicht lange nach Sonnenuntergang verkriechen wir uns in unsere Zelte. Ab und zu höre ich
noch das leise Geräusch der vorbei ziehenden Frachter und das rote Licht der
Backbordtonne, die genau querab das Fahrwasser begrenzt, blinkt in regelmäßigem 'Takt
auf meine Zeltwand.
Der Morgen unseres letzten
Paddeltages beginnt für uns
wieder früh um Fünfe: Es ist
noch nicht hell zu dieser
Spätsommerzeit, erste
Morgenröte zeigt sich gerade
am
gegenüberliegenden
Osthimmel. Boote zum
Beladen an den Spülsaum
schleppen und das
schweigsame Frühstück
finden noch beim Schein der
Stirnlampen statt. Dann wird
es langsam hell und das
Packen wird übersichtlicher.
Um sieben sind wir auf dem Wasser, im Grunde eine Stunde zu spät wegen der Tide, aber
um Vier wollten wir nicht aufstehen und hofften irgendwie in Nordenham an Land zu
kommen. Aus der Tourenbeschreibung hatten wir Hinweise, dass wir im Seglerhafen
deutlich länger anlanden könnten als am Anleger des WSV.
Die Luft steht und nachdem wir die Huntemündung und die Abzweigung der Kleinen Weser
passiert haben, fängt es an zu stippeln. Bei Brake reicht das Fahrwasser links bis an die
Spundwände der Hafen- und Werftanlagen, so dass wir der Empfehlung des Flussführers
folgen, auf der rechten Weserseite zu paddeln. Dort ist es auch grüner: Der Harriersand ist
über mehrere Kilometer grün und hübsch anzusehen.
Bald stößt auch von rechts die Kleine Weser wieder zu uns und wir sehen nun auch links
wieder ausgedehnte Sande, in diesem Fall der Strohhäuser Plate und der Reiherplate, die zu
einer Insel zusammengewachsen sind. Hier hatte ich vor Jahren einmal mit Christian und
Manfred auf der Fahrt von Bremerhaven gezeltet, was damals nicht die ganze Zustimmung
des Rangers fand, der für die Einhaltung der Regeln im NSG zuständig ist.
Mit der bei unserer heutigen Fahrt
gefundenen Lösung auf Juliusplate
ist das Konfliktpotential allerseits
nicht so groß!
Das AKW Unterweser lassen wir links liegen und nähern uns nun unserem Ziel
Nordenham .
Das Wasser ist mittlerweile so weit gefallen, dass ich die Einfahrt zum Seglerhafen nicht
sofort deutlich erkenne, obwohl es links keine weitere Einfahrt gibt. Der Blick in das
Sieltief verheißt nichts Gutes: Hohe schlicküberzogene Uferböschungen erheben sich über
einem Restrinnsal. Während unser Zweier versuchen soll, in die Einfahrt zu gelangen, will
ich hinter einer Buhne, die direkt hinter dem Anleger des WSV liegt, sondieren, ob nicht
doch etwas Sandwatt zu finden ist, das ein Aussteigen und Betreten ermöglichen könnte.
Doch die erste Hoffnung trügt. Auch unter der helleren Sandschicht befindet sich eine solch
pampige Schlicklage, dass man beim Aussteigen unweigerlich gefährlich tief einsinken
würde.
Gegen den immer noch mächtig ziehenden Ebbstrom kämpfe ich mich zurück zur
Einmündung des Sieltiefs, das zum Seglerhafen führt und muss schnell feststellen, dass ein
Weiterpaddeln bis zum Steg nicht mehr möglich sein wird – Renate und Fritz liegen gut
hundert Meter vor mir im Matsch und ich versuche gar nicht mehr an sie heranzukommen:
Uns fehlte einfach eine halbe Stunde!
Erfahrung Nr. 4:
Zu hoffen, dass man es
irgendwie doch schaffen
könnte, ist unsinnig.
Niedrigwasser ist
Niedrigwasser und im
Schlickwatt gibt es im
Gegensatz zum Sandwatt
keine Chance!
Also fügen wir uns ins
Gegebene.
Ich suche mir eine halbwegs
bequeme Position und
versuche ein kleines
Mittagsschläfchen, das mir auch ganz gut gelingt. Die beiden vorne im Zweier höre ich
auch nicht schimpfen und auch der Hund bleibt ruhig. Normalerweise spielt er kurz vorm
Anlanden immer den
Wilden, aber auch er merkt offensichtlich, dass jetzt nur schlafen angesagt ist.
Gut eineinhalb Stunden sind gefühlt vorbei, als erste zaghafte Rinnsale wieder aufwärts
kriechen. Ich traue der Sache aber erst, als sich eine konstante Bewegung erkennen lässt und
rufe laut nach vorn: „Das Wasser kommt!“
Bald schwimmen die Boote wieder auf und nach einer weiteren halben Stunde können wir
am Anleger aussteigen.
Die Boote hochziehen, den Bootswagen unterschieben, den schmalen Pfad entlang bis zur
Fahrstraße, Fritz zum Auto holen laufen lassen, dann die Boote entladen und aufladen –
geschafft!
Bleibt nachzutragen, dass F'ritz am Bootshaus des WSV in Erfahrung bringt, dass der
Nordenhamer Verein Bootshaus, Anleger und Gelände aufgegeben hat. Die
Einschränkungen im Kanubetrieb durch die Verschlickung sind offensichtlich zu groß
geworden. Der Verein hat sich jetzt auch im Seglerhafen eingerichtet, Einzelheiten haben
wir aber nicht erfahren. Der Hinweis, dass man am neuen Anleger zwei Stunden vor und
nach Hochwasser anlegen kann, bezieht sich also auf den Anleger im Seglerhafen. So war
unsere Fehlinterpretation entstanden, dass wir auch außerhalb der Zwei-Stunden-Frist im
Seglerhafen noch eine Aussteigemöglichkeit haben könnten.
Um die ca. dreißig Kilometer von Juliusplate bis Nordenham fristgerecht zu schaffen, muss
man also sehr genau rechnen – sonst heißt es: Gefangen im Schlickwatt!
Fazit: Für die Weser von Münden bis Nordenham haben wir neun Paddeltage gebraucht,
wobei die längsten Etappen von Münden nach Holzminden (80 km)und von Minden nach
Nienburg (65 km) waren, wobei letztere Strecke für mich auch die anstrengendste war, weil
es keine guten Pausengelegenheiten gab und Wind und Wetter an diesem Tag richtig hart
waren.
Es war eine gute Erfahrung, die Weser mit all ihren verschiedenen Landschaften und auch
mit der Stadtdurchfahrt Bremen kennen zu lernen. Auch die Mittelweser und die
Unterweser haben mit der norddeutschen Weite ihren Reiz. Und wenn die Landschaft
wirklich mal langweilig (?) war, sorgten Himmel und Wolken für Stimmungen und gute
Gespräche und die Freude am gemeinsamen Paddeln für Zufriedenheit.
Sieghard, Renate und Fritz

gefällt mir0 gefällt mir nicht0