Pelly und Yukon 2002

When I'm skinned to a finish,
I'll pike to the Yukon again

(aus "The Spell of the Yukon" von Robert Service,
dt. etwa: Wenn sie mich bis auf die Haut ausgezogen haben, ziehe ich wieder zum Yukon)

Kanutour auf Pelly und Yukon River,
23.7.-13.8.2002

Oft wurde die Weser zum Vergleich herangezogen, als die acht Teilnehmer der Kanada-Fahrt Worte zur Beschreibung von Wasser und Landschaft suchten. Doch kein Vergleich wurde dem gerecht, das wir auf Pelly und Yukon erleben durften. Also zuerst ein paar Zahlen: Auf dem Pelly sind wir von Faro nach Fort Selkirk 365 Kilometer gefahren (das ist fast so weit wie von Hann.Münden nach Bremen) und anschließend auf dem Yukon noch einmal 277 Kilometer bis Dawson City. Schon der Pelly als Nebenfluss hat aber deutlich mehr Wasser als unser Heimatstrom. Dafür leben nur wenige Menschen in der Region. Im ganzen Yukon Territory, das eine Fläche etwa wie Deutschland einnimmt, leben ca. 30.000 Menschen. Die allermeisten davon auch noch in der Hauptstadt Whitehorse.
Dorthin trug uns Ende Juli immerhin ein Direktflug von Frankfurt. Völlig erschöpft stiegen wir aus und wurden freundlich begrüßt von einer ausgewanderten Göttingerin. Das fällt uns oft auf im Yukon: Man kennt sich untereinander. Im Hotel treffen wir das erste Mal unseren Guide Stephan Atmanspacher. Bei einem Glas Bier besprechen wir die letzten Einzelheiten. Am nächsten Tag noch einmal 300 Kilometer Anfahrt zum Fluss. Dann endlich sind wir angekommen. Der Probetag entfällt. Wir starten sofort auf dem Pelly. Nach 500 Metern ein letzter Blick auf die sandige Straße, dann tauchen wir ganz in die Wildnis ein. Schöne, leichtgängige Boote haben wir erhalten. Angenehm griffige, leichte Holzpaddel.
Gleich zu Beginn sehen wir einen jungen Weißkopfseeadler. Wenig später eine Biberburg am Ufer. Immer wieder muss Stephan uns am ersten Tag ermahnen: Bei aller Fröhlichkeit gehört zum Erleben der Wildnis auch die Ehrfurcht vor den Tieren und der unberührten Weite. Das ist am Anfang schwer. Vor der großartigen Natur wirken wir klein. Da neigt man zum Reden, zum Lachen. Doch Tiere sehen wir erst, als wir gelernt haben, dies als ihr Land zu respektieren und ruhig zu sein.
Auch Stephan lernt von uns einiges. Das Kochen haben ihm Dieter Zitelmann und Ekkehard gleich am ersten Abend abgenommen. Auch das frühe Aufstehen ist Stephan fremd. Eine Gruppe, die vor dem Frühstück schon die Zelte verpackt hat, hat er noch nicht erlebt. Besonders auffällig ist, dass wir bei Gegenwind messbar schneller vorwärts kommen. Wir lernen dafür spurenfreies Campen: Keine Feuerstelle, keine bleibenden Veränderungen. Lebensmittelreste und Müll werden verbrannt, Küche und Schlafbereich auf den Sandbänken sorgfältig getrennt. Im Yukon-Territory haben die Bären Hausrecht. Nur nach ihren Regeln können wir hier ungeschoren paddeln. Reichlich werden wir für unsere Sorgfalt entschädigt: Es gibt keine Angriffe aber viele Bären, die sich am Ufer von uns beobachten lassen, bevor sie mehr oder weniger eilig im Unterholz verschwinden. Auch sonst gibt es manches zu entdecken: Elchkühe, manchmal mit Kälbern, die morgens früh am Wasser stehen, einmal einen scheuen alten Wolf, einen Baumstachler (Stachelschwein), viele Vögel.
Auch beim Essen gibt es Neues: Das warme Porridge mit Trockenobst, Nüssen und Haferflocken zum Frühstück etwa, nahrhaft und warm nach den manchmal frischen Nächten. Auch das Bannockbacken in der Pfanne, nachdem das mitgebrachte Brot aufgegessen war.
Übernachtet wird auf Kiesbänken. Manchmal recht uneben, aber nach den langen Tagen an der frischen Luft schlafen wir darauf wie auf Federn. Morgens und abends brennt ein Lagerfeuer aus Treibholz, das anschließend gelöscht und verstreut wird.
Einige wenige Stromschnellen sind zu bewältigen, doch bei dem niedrigen Wasserstand bereiten sie keine Probleme. Die hängen eher mit dem Wetter zusammen. Einige hatten sich wohl mehr Sonne und Wärme versprochen (ich hatte sogar mit deutlich kälterem Wetter gerechnet). Nach vielen regenlosen Wochen fiel ausgerechnet in unserer Fahrtzeit immer wieder etwas von dem kostbaren Nass. Bei der Übungsfahrt auf der Weser hatten sich aber alle auch gut auf Feuchtigkeit von oben vorbereitet.
Auch die schwierigste Schlucht des Pelly im Granite-Canyon erweist sich als abwechslungsreiche Fließwasserstrecke ohne nennenswerte Schwierigkeiten. Die Ausspülungen am Ufer lassen aber ahnen, dass es hier bei Hochwasser ganz anders aussieht.
Nach gut einer Woche erreichen wir das erste Mal wieder einen Ort: Pelly Crossing. An der Kreuzung von Fluss und Highway hat sich um die Tankstelle eine kleine Ortschaft entwickelt. Sogar einen Laden, eine Post, eine Bank und einen Imbissstand gibt es. Doch gleich nachdem wir unsere Vorräte wieder aufgefüllt haben (mit dem, was es gerade gibt, nicht mit dem, was unsere Köche geplant hatten), zieht es uns zurück in die Einsamkeit.
Kurz vor der Mündung in den Yukon besuchen wir eine Farm. Mitten in der Wildnis, 50 Kilometer von der nächsten Straße entfernt, versucht eine Familie hier mit Rinder- und Hühnerzucht über die Runden zu kommen. Vom Großonkel bis zu den Kindern sind alle in die Arbeit eingebunden, trotzdem reicht es nur so gerade zum Überleben. Für ein paar Sommerwochen können wir uns so ein Leben vorstellen, aber für immer? Lieber nicht.
Unscheinbar fließen Pelly und Yukon zusammen. Immer wieder schiebt sich ein kleiner grüner Arm mit Yukonwasser heran und plötzlich merken wir, dass wir längst auf dem großen Strom fahren. Mit Kraft erreichen wir das gegenüberliegende Ufer mit Fort Selkirk, einer Geisterstadt mit Campingplatz, der aber nur vom Fluss erreicht werden kann. Hier legen wir einen Ruhe- bzw. Wandertag ein. Der "Wanderweg" erweist sich als alpine Klettertour. Dafür werden wir aber auch mit einer grandiosen Aussicht über Yukon und Pelly belohnt. Auf dem Abstieg lassen frische Bärenspuren unseren Guide sehr vorsichtig werden. Das Gewehr bleibt fest in der Hand.
Der Yukon fließt deutlich schneller. An der schnellsten Stelle zeigt Dieters GPS eine Treibegeschwindigkeit von fast 18 km/h an! Auf den Fotos ist das kaum nachvollziehbar, so glatt läuft das Wasser ab. Nach der Mündung des White River ändert sich die Farbe des Flusses. Der Nebenfluss bringt so viel Asche-Partikel mit, dass der Yukon weißlich-braun wird. Schade, das grüne Wasser war schöner! Neben einigen Regentagen haben wir auch Tage, an denen es vor Hitze nicht auszuhalten ist. Von wegen kurze Hose und T-Shirt, da verbrennt die Haut viel zu schnell.
Die letzten Tage auf dem Wasser werden von einer dichten Rauchwolke belastet. Große Waldbrände in Alaska (über 100 Kilometer entfernt) schieben ihren Rauch vor die Sonne. Das führt sogar zum Regen, als die Luftfeuchtigkeit an den Rauchpartikeln kondensiert. Schließlich eilen wir einen Tag früher nach Dawson als geplant, um dem Qualm zu entgehen.
In Dawson tauchen wir dann über Kneipen, Spielhallen und Andenkenläden allmählich wieder in die Zivilisation ein. Die Stadt hat viel vom Charme der Goldgräberzeit bewahrt, obwohl sie seit 100 Jahren fast nur noch vom Tourismus lebt. Auch wir versuchen uns noch einmal als Goldwäscher. Doch obwohl wir sorgfältig waschen: Die großen Reichtümer sind beim ersten Waschgang schon aus dem Kies gekommen. Jetzt geht es nur noch um den feinen Staub. Mit großen Maschinen lässt sich bei genügend großer Grabefläche ein Familieneinkommen damit bestreiten. Mehr aber nicht. Wir kehren von da gerne wieder zu unseren geregelten Einkommen zurück!
Nach vier Tagen Dawson geht es an die Rückreise. Erst ein Tag im Bus nach Whitehorse. Dort noch etwas Ruhe und dann über Anchorage nach Hause. Allerdings nicht ohne vorher mit Stephan Pläne für die nächste Tour im Yukon geschmiedet zu haben. Noch einmal Robert Service:

It's the forests where silence has lease;
It's the beauty that thrills me with wonder,
It's the stillness that fills me with peace.

(dt.: Es sind die Wälder, in denen die Stille lebt, es ist die Schönheit, die mich aufgeregt sehen lässt, es ist die Ruhe, die mich mit Frieden füllt.)

Stephan erreicht ihr unter www.escape-north.com oder über eMail: stephan@escape-north.com