Erste Vereinsfahrt: Und gleich nach Norderney – Wiederholung unbedingt erwünscht!

Erste Vereinsfahrt: Und gleich nach Norderney – Wiederholung unbedingt erwünscht!

Im Metronom sitzend auf der Fahrt nach Hamburg, das Laptop vor der Nase mit dem üblich Alltagsstress, denke ich gern an meine erste Fahrt mit dem KC Steinhuder Meer zurück:
Vor drei Wochen sind Thomas Gleitz, Tilo Grusenick, Klaus Ofiera, Sieghard Göring und ich, Edgar Schulz, „Wiederanfänger“ im Kanusport, bei günstigen Gezeiten am Wochenende, etwas heftigerem Wind, von Norddeich nach Norderney und zurück gefahren. Die Idee zu der Fahrt kam mir bei meiner Anmeldung im Verein bei Christian Zhorzel im Wohnzimmer: Warum nicht mal wieder (vor zwölf Jahren schon mal) zu meiner Mutter auf die Insel paddeln? Gesagt, getan. Nach dem Treffen der Anderen und Aufladen der Boote in Wunstorf ging es zunächst für gut drei Stunden im Auto auf der Landstraße Richtung Norden und Norddeich. Dort angekommen, übernahm meine Mutter meine mitgereiste Tochter Marlie, die mit ihren acht Jahren mit Oma und Fähre zur Insel gelangen sollte.
Wir fünf Paddler machen uns im Yachthafen von Norddeich schnell startklar, und schon da wird mir klar, wie lange ich pausiert habe, denn meine Ausrüstung, begonnen bei meinem Boot „Liek ut“ (Ostfriesen Platt für „Gerade aus!“) ohne Schotten und den weiteren Utensilien, wie „(Ersatz)Paddel, Bootswagen, Kompass“, macht im Vergleich zu der Ausrüstung der Anderen nicht den vertrauenswürdigsten Eindruck...
Auf dem Wasser geht es dann auch gleich los: Mit meinem leichten Francesconi-Boot hüpfe ich nur so auf den Wellen, während meine Begleiter mit ihren vollen Schott-Booten ruhig im Wasser gleiten. (Oder ist das etwa deren Routine?) Dabei kommt auf der 12km langen Überfahrt, für die wir gut zwei Stunden brauchen, der Wind mit Stärke 3-4 aus Süd-West, also volle Breitseite, was mich derart verunsichert, dass ich nur stützelnd nach bester Wildwasser-Manier vorankomme und ganz schön „Muffe schiebe“, will ich doch bloß nicht reinfallen. Wir wählen eine kluge „Bogenroute“ - halten, zunächst bei guter Sicht auf die Inselmitte mit dem leicht auszumachenden Zeichen, dem Norderneyer Leuchtturm, zu. Unterhalb der ehemaligen Insel-Müllkippe (heute ein kleiner Berg) drehen wir bei und fahren wieder westwärts, quasi am Ufer der Insel entlang, auf die grüne Hafentonne zu. Dort rauschen wir nur so vorbei, die Ebbe schiebt ganz schön mit flotter Strömung. Thomas fährt am dichtesten zum Strand hin, ich bin am weitesten draußen. Meine Fahrtgenossen drehen bei der Hafeneinfahrt ein und fahren gegen die Strömungen ins geschützte Hafenbecken. Ich sehe das und drehe meine Bootsspitze auch in Richtung Hafeneinfahrt. Doch zu spät! Mich packt als zu weit außen fahrender die Strömung, der Wind und die Wellen mit voller Wucht und plötzlich sitze ich auf einer sehr hohen Welle, die mich bedrohlich nahe an die dort runde Hafenkaimauer drückt. Mein Boot beginnt die Welle hinunter zu surfen, also Paddel rein und steuern, Konterschläge, Stützen, was das Zeug hält! An der Mauer prallt die Strömung unterhalb des dort angepinselten Norderneyer Grußwortes „He!“ derart stark an die Spundwände, dass sich unten in Höhe der Wasserlinie schon eine stehende Welle überschlägt. Da will ich nicht rein!! Also reiße ich mich zusammen und hole alles aus meiner alten Paddel-Wildwasser-Trickkiste raus, was noch drin ist und fahre ca. 300m westlich ans sichere Inselufer. Nur gut, dass meine Kameraden mein wildes Manöver nicht beobachten können, sind sie doch nun für mich hinter der Hafeneinfahrt verschwunden. Jetzt aber raus aus dem Boot und über Land zum Hafenbecken, Bescheid geben, dass ich noch da und sicher gelandet bin, nur eben nicht die ca. 40m breite Hafeneinfahrt als „Wiederanfänger“ getroffen habe. Meine Clubkameraden hatten sich auch schon Sorgen gemacht und überlegt, den im Hafen liegenden Seenotrettungskreutzer um Hilfe zu bitten.
Die „Bernhard Gruben“ besichtigen wir nach unserer feudalen Übernachtung „bei Muttern“ (ohne Zelt und Schlafsack in echten Betten!) am nächsten Vormittag. Der Vormann (Kapitän) Kai Goldenstein, zeigt und erklärt uns wirklich alles sehr detailliert, der Maschinist führt uns zu den starken Dieselmotoren, ja selbst in das kleine Beiboot dürfen wir während der eineinhalbstündigen Führung klettern.
Unserem Vormann merkt man an, wovon er spricht, wenn er schildert, wie und unter welchen Umständen Schiffbrüchige bei Windstärke neun und höher geborgen werden und dass Nordseewellen schon bis zu 15m hoch sein können. Auf unsere Frage hin, ob denn auch Paddler aus Seenot gerettet werden mussten, wird berichtet, dass diese „Seemanns-Gattung“ bisher so gut wie nie in Not geriet, weil sich die Kanuten immer gut vorbereiten würden. Das hören wir sehr gern und ich verschweige meine „Hafenzacke“ an Bord beharrlich.
Zum Abschluss unserer Besichtigung holen wir noch Wetter-, Strömungs- und Wellenerkundigungen ein und beschließen, die Wellen und den Wind vor dem Hafen zu erkunden und erst dann zu entscheiden, ob wir noch nach Juist rüberfahren. Vor dem Hafen wird schnell klar, dass ein Anfahren gegen die vor Juist anzutreffende Strömung an diesem Sonntag sehr schwer sein wird, und wir beschließen, direkten Kurs über die Wattenmeerseite auf Norddeich zu zu nehmen. Nach 10km Überfahrt, diesmal kommen Wind und Wellen von vorne, erreichen wir – und auch ich – sicher den Norddeicher Yachthafen, unserem Ausgangspunkt. Diesmal saß ich im Vergleich zum Vortage sehr viel sicherer im Boot. Zeitweise kam die Sonne raus und es machte richtig Spaß, durch die Wellen zu fahren.
Der Metronom-Zug erreicht gleich mein Ziel und ich muss meine Gedanken an ein schönes Paddelwochenende im neuen Verein fahren lassen. Die Nachhaltigkeit und der Erholungswert dieser Paddelreise wird für mich jedoch darin deutlich, wie gern und genau ich mich an die Gespräche unterwegs, den sicherlich auch vorhandenen Anstrengungen und an das „Abenteuer Hafeneinfahrt“ erinnere. Auch an die ungläubige Kellnerin im abendlichen Restaurant erinnere ich mich gern, als wir ihr erzählten, dass wir per Kajak zum Essen auf die Insel gekommen sind. Für mich steht das Fazit jedenfalls fest: In jedem Falle wiederholen!! Und ein festes Quartier haben wir bei meiner Mutter auch. Und ich sitze dann sicherlich in einem anderen Boot mit einer anderen, ausgefeilteren Ausrüstung...

Edgar Schulz