Sommerliche Gepäckfahrt auf der Oder 2011

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Sommerliche Gepäckfahrt auf der Oder - In sechs Tagen von Frankfurt nach Stettin und durchs Haff nach Ueckermünde / 237 km- Teilnehmer: Renate und Fritz Dreyer, Klaus Ofiera, Sieghard Göring Als KUH-Fahrt wird uns diese Odertour in Erinnerung bleiben! Wer jetzt meint, das hätte etwas mit Lauser vom Oderhaff zu tun, der natürlich auch dabei war und mittlerweile als Maskottchen unserer Aktiven gilt, der irrt: KUH steht nicht für Kanufahren und Hund, sondern einfach für Kuh! Unser zweiter Paddeltag klang aus mit dem abendlichen Dämmerschoppen in trauter Runde in Klaus‘ wunderbar geräumigem Tipi, der Hund lag wie hingegossen auf dem Rücken und brachte uns zu der Einsicht, dass auch wir uns in die Schlafsäcke begeben sollte, als Renate meinte draußen Kühe gehört zu haben. Als wir den Zelteingang öffnen und hinaus schauen, sehen wir uns umringt von einer Herde, so Stücker fünfzig bis sechzig oder so. Sie sind noch ruhig und überlegen erst noch gemeinsam, wie sie die Eindringlinge am besten ärgern und los werden könnten. Schließlich sind es polnische Rinder, die Weide liegt am polnischen Ufer und die ungebetenen Gäste sind deutsche Paddler. Wir hätten es ahnen können, aber nach dem Anlegen an dieser trockenen sandigen Stelle mit den hervorragend als Sonnen-, Regen- und Windschutz geeigneten großkronigen Weidenbäumen waren wir übereinstimmend zu der Schlussfolgerung gekommen, dass die nicht zu übersehenden Kuhfladen so deutlich trocken und folglich alt seien, dass aktuell keine Rinder auf dieser Weide sein könnten. Irrtum! Eine riesengroße Weidefläche in sehr extensiver Nutzung lässt die Herde große Wege gehen und unser Zeltplatz war zeitweise ihr Schlafplatz! Unsere zuerst energischen, aber immer vorsichtiger und kleinlauter werdenden Versuche sie wegzudrängen, sind zum Scheitern verurteilt: Eine zähe Linie wird nach jedem Zurückdrängen wieder von den Viechern begradigt und der Kreis immer wieder eng gezogen. Ein deutlich als Anführer erkennbarer Bulle ist zwar nicht dabei, aber einige Tiere führen sehr junge Kälber, die beschützt werden müssen und einige Färsen und Jungbullen vom letzten Jahr wirken deutlich engagiert. Ein Halbstarker zeichnet sich darin aus, keinen Schritt zurück zu weichen und seine Körpersprache sagt: Euch will ich‘s mal zeigen und meiner Herde auch! Und den kleinen Kläffer, den könnt ihr vergessen! Renate gibt schließlich die Entscheidung vor: Hier bekommen wir keine ruhige Nacht! Und wenn hier ein Tier sich in Abspannleinen verfängt und nur ein Mal verschreckt zieht, könnten Zelte und Boote schnell zu Schrott werden! Außerdem hatten gute Menschen den Tieren ihre Hörner gelassen, was in Deutschland kaum mehr bekannt ist! Also: Es ist zwar schon nach zehn Uhr, die Bettruhe eigentlich angesagt und etwas Rotwein ist auch in uns, aber einstimmig wird zum Aufbruch geblasen. Bei gerade noch stattfindender Abendröte packen wir die Zelte leer und die Boote voll. So schnell haben wir noch nie abgebaut und gepackt! Boote ans Wasser geschleppt, Stirnlampen um und ab geht es! Wir hatten auf der Fahrt von Groß-Neuendorf hierher einen brauchbaren Biwakplatz gesehen, ihn aber verschmäht, weil so viele Angler mit ihren Motorbooten dort lagen. Dorthin paddeln wir nun zurück, drei Kilometer Oder aufwärts, bei zunehmender Dunkelheit, in der Hoffnung, dass es dort nun leerer sein würde; Oder abwärts ist uns zu ungewiss, wer weiß, ob wir vor absoluter Dunkelheit etwas Geeignetes finden! Die Hoffnung erfüllt sich nicht: Boote und Angler sind eher mehr geworden und Klaus löst beim Anlegen Angelalarm aus. Wir schleppen unsere Boote mit ungeahnten Kräften die Uferböschung hoch, entscheiden uns schnell, dass wir keine Zelte mehr aufschlagen, packen zwei Kajaks im Abstand einer Mannslänge nebeneinander, breiten dazwischen eine Plane aus, legen eine weitere über die Boote und kriechen darunter in unsere Schlafsäcke. Es wird keine erholsame Nacht! Die feuchte Luft am Fluss und unsere Körperausdünstungen kondensieren – wie zu erwarten! - und nach einer gefühlten halben Stunde fängt es an von der oberen Plane zu tropfen. Man fühlt es und man hört es! Am nächsten Morgen sind unsere Schlafsäcke nass! Es ergibt sich von selbst, dass wir sehr früh aus dem Nachtlager kriechen! Der heiße Kaffee schmeckt allen und bald sind wir auf dem Wasser. Die polnischen Angler beachten unsere Abfahrt mit der gleichen Gleichmütigkeit wie unsere Ankunft. Ein von mir unternommener Erklärungsversuch für unsere nächtliche Aktion stieß mangels der nötigen Sprachkenntnisse beiderseits ins Leere. Die Morgenfrühe, ein kleiner Wind, die wunderschön gezeichnete Landschaft zu beiden Seiten der Oder lassen die Müdigkeit vergessen, die uns allerdings später um die Mittagszeit wieder einholen wird. Bald sehen wir am rechten Oderufer unseren gestrigen Zeltplatz liegen, mit den markanten von Bibern angenagten Weiden. Die Gewinner der gestrigen Auseinandersetzung haben sich richtig breit gemacht, aber wir lassen sie einfach rechts liegen. Zwei, drei Kilometer weiter liegen die beiden Kanadierfahrer, die gestern Abend noch an uns vorbei gefahren waren, bei gemütlichem Frühstück vor Zelt und Boot auf einem idealen Platz! Wer konnte es wissen? Erfreulicherweise waren wir bei allem, war wir zu entscheiden hatten, immer einer Meinung und kein Siehste!- und kein Hättste!- Spruch wurde nachgeschoben. So geht es nun bei gemächlicher Strömung und bald wieder schwüler Hitze auf Schwedt zu, wo wir um die Mittagszeit Pause machen und uns ein kleines Stündchen auf einer Wiese in Stadtnähe zur Ruhe legen, um versäumten Schlaf nachzuholen. Wie alles anfing: Wir waren am Montag nach der Poel-Fahrt von Boiensdorf-Werder bei Wismar über die A 20 und dann auf Bundesstraßen nach Ueckermünde gefahren, hatten dort auf dem Parkplatz eines Schullandheimes Klaus‘ Auto abgestellt und uns die Zusage eingeholt, dass wir auf dem Gelände bei der Rückkehr zelten dürften. Unsere beiden Einer wurden zu Dreyers Zweier aufs Dach gepackt und ab ging es nach Frankfurt! Die Fahrt zieht sich , aber von zu Hause aus zur Oder wäre es nicht näher gewesen. Wir hatten die Fahrt schon im letzten Jahr nach der Potsdamer Schlösserfahrt durchziehen wollen, dann aber wegen des Oder-Hochwassers und der nachfolgenden Schlamm- und Mückenprobleme Abstand davon genommen. In diesem Sommer passten die Bedingungen! In Frankfurt kommen wir beim Ruderverein unter: Es gibt nur wenig Zeltfläche zwischen Bootshaus und einem Altarm der Oder, aber außer uns sind nur Werner aus Kiel und ein Pärchen im Zweier da, so reicht der Platz für alle. Für Nachahmer: Anmeldung empfehlenswert, denn wir waren mit Ende Mai noch außerhalb der Saison. Für die Nacht erhalten wir einen Schlüssel für Dusche und WC – der letzte sanitäre Komfort bis Stettin! Am Morgen wecken uns ein eindringlicher Sprosser, den wir zunächst für eine Nachtigall gehalten hatten und ein etwas zurückhaltenderer Pirol – beide Arten sollten für die kommende Woche die Leitvögel der Tour werden, so häufig und regelmäßig kommen sie entlang der Oder vor. Hinzu kamen noch der Drosselrohrsänger – immer sehr laut und eindringlich aus fast allen Röhrichten entlang der Oder zu hören – und die seltene Trauerseeschwalbe unterhalb von Stettin und natürlich immer wieder der Seeadler, der auch entlang der Oder häufig anzutreffen ist. Da bis auf die großen Städte Siedlungen entlang der Oder weitab vom Fluss liegen, wird die Tour keine Kultour sondern eher eine Natour! Wir sind früh auf dem Wasser, haben fünfzig Kilometer geplant. Schnell sind wir auf dem Strom und gleiten bei achterlichem Wind, der ganz gut schiebt, aus Frankfurt und seinen Vorstädten hinaus. Weitgehend verläuft hier die Oder in breitem Urstromtal; nur der hübsch gelegene Ort Lebus fand einen Platz auf einer deutlich über dem Tal gelegenen Seitenmoräne, die vor Überschwemmungen schützt. Ansonsten ist das linke Ufer durchgehend von Deichen eingefasst, die auf die Besiedelungspolitik Friedrichs von Preußen, „des Großen“ zurückgehen. Das dahinter liegende Oderbruch liegt weitestgehend unter dem Flussspiegel und so braucht die im 18. Jhdt. gegründete Neumark die Deiche. Auf pommerscher – heute polnischer - Seite fehlen die Deiche. Hier wird in der Flussaue nur Weide- und Wiesenwirtschaft betrieben, soweit es nicht bei ausgedehnter Naturlandschaft bleibt. Siedlungen und Ackerbau finden wir erst in Höhen, die vom Hochwasser normal nicht erreicht werden. Die das Urstromtal begleitenden Moränenrücken sind als für das Auge angenehme landschaftliche Abwechslung in einiger Entfernung als Begrenzung des Horizonts zu sehen. Auf einer idyllischen Sandbank halten wir Mittagsrast und kommen so langsam in Urlaubsstimmung. Es wird wie schon am Vortag beim Umsetzen ordentlich heiß. Da es kaum Schiffsverkehr gibt, lassen wir die Spritzdecken offen. Kostrzyn/Küstrin (33 km) wird erreicht. Die alten Festungsmauern aus Backstein haben anders als die Stadt die heftigen Gefechte der letzten Kriegstag 1945 überstanden. Zwei Arbeiter auf kleinem Gerüst bessern einige mürben Stellen der Mauern aus, die hier fast bis ins Wasser reichen. Wir fahren ohne Besichtigung an der Stadt vorbei: Die Beschreibung im Tourenbuch motivierte uns nicht, zu wenig hatten die Zerstörungen des 2. Weltkriegs von der ehemals ansehnlichen Stadt übrig gelassen. Etwas weiter abwärts passieren wir die Seelower Höhen. Klaus, der hier schon auf einer Fahrradtour durchgekommen war, weiß einiges zu erzählen über die Kämpfe zwischen der sowjetrussischen Armee und den Resten der Wehrmacht, die hier an der Oder den Vormarsch auf Berlin noch aufhalten sollte. Zehntausende Soldaten beider Seiten ließen hier noch sinnloser Weise ihr Leben. Dass hier über viele Jahre eine stark bewachte Grenze verlief, ist auf unserer Route nicht zu sehen; stattdessen an den größeren Orten lebhaft befahrene Brücken, die heute Brücken im zweifachen Sinne geworden sind. Nur die weiß-roten Pfosten mit dem polnischen Adler auf der einen und die schwarz-rot-goldenen auf der anderen Oderseite erinnern uns daran, dass wir auf einem Grenzfluss unterwegs sind: Mal links, mal rechts, mal in der Mitte – kein Mensch interessiert sich dafür. Bald ist Groß-Neuendorf (50 km) erreicht, wo wir auf einer Grünfläche in der Nähe eines alten Hafenbeckens am Ortsrand unsere Zelte aufschlagen. Werner aus Kiel treffen wir hier wieder, der ziemlich früh vor uns in Frankfurt gestartet war und mit dem Kajak unterwegs nach Hause ist über das Netz der mecklenburgischen Wasserstraßen. Und zwei weitere Paddler im Faltboot, schon weiter oberhalb auf der Oder gestartet und nur bis Schwedt unterwegs. Es dauert etwas, bis die unterschiedlichen Typen einander etwas näher kommen. Ein schrulliger Angler rangiert seinen bunten Wohnwagen neben unsere Zelte, das hier ist sein Platz! Aber irgendwann kann man auch mit ihm reden. Den später gefangenen Hecht hat er leider schon jemand anderem versprochen. Unser Zeltplatz wird geschmückt von einigen kunstvoll benagten Weidenstümpfen, die Biber im Rahmen des Projektes Kunst und Küstengestaltung (KuK) hinterlassen haben. Überhaupt finden wir entlang des gesamten Oderstroms ungezählte Spuren der hier wohl recht starken Biberpopulation und so sind wir zwar erstaunt über die Argumentationen einer Bürgerinitiative „Deichschutz statt Artenschutz“, nicht aber über ihr Auftreten als solches. Auf polnischer Seite scheint das Vorkommen der Biber kein Problem zu sein, obwohl wir dort an manchen Stellen doch sehr überrascht darüber waren, was diese Nager so alles an Bäumen umlegen können. Außer der Bürgerinitiative gibt es in Groß-Neuendorf ein Café mit gutem Kaffee und noch besserem Rhabarberkuchen, von den beiden Wirtinnen selbst zubereitet, die freundlicherweise auch erlauben, dass wir neben dem Toilettengang auch unserer Frischwasservorräte bei ihnen ergänzen. Die Bedienung im kleinen Dorfladen war weniger kooperativ. Da es keine öffentlichen Einrichtungen in dieser Hinsicht gibt, sind wir außerhalb der Öffnungszeiten des Cafés im alten Getreidespeicher auf natürliche Lokalitäten beschränkt. Das etwas feinere Hotel-Restaurant ermuntert uns von seinem Stil gar nicht erst nach Wasser und Toilettenbenutzung zu fragen - unser Erscheinungsbild ist zu abweichend. Einige sehr übersichtlich gestaltete Informationstafeln auf dem Deich geben Auskunft über die Geschichte von Ort und Landschaft, über die Oder, ihre Pflanzen, ihre Tiere. Die Aussicht über die Talaue ist hübsch und ein Rundgang durch den Ort und seine Umgebung und über den gepflegten alten Friedhof runden unseren Aufenthalt ab. Ich berichte deshalb so ausführlich, weil wir uns hier zwei Nächte aufhielten: Nach den beiden heißen Tagen gab es zum Abend ein krachendes Gewitter und danach bekamen wir einen Nordwind bis 5 Bft., der uns zu einem Pausentag zwang. Unser Paddelhund Lauser musste lernen mit seinem ersten Gewitter umzugehen und wir vier, die eigentlich „Strecke“ machen wollten, mussten uns darin üben, auch mal nur so herumzuhängen. Die anderen Paddler entscheiden sich ebenso und wir haben zum Glück genügend Rotwein mit. Am Donnerstag geht es trotz anhaltenden Gegenwindes, allerdings nur bei Stärke 3, weiter Oder abwärts, aber wir schaffen an diesem Tage gute 46 + 3 km. Herrlich, bei dem frischen Morgenwind wieder auf dem Wasser zu sein! Bei Gozdowice liegt neben der alten Fähre mit seitlichem Radantrieb die „Kuna“, ein Oldtimer-Fahrgastschiff, das uns einige Kilometer später überholen wird. Bei dem starken Gegenwind fahren wir nicht konsequent rechts, sondern möglichst unter Land – eigentlich kein Problem, weil auf dem Oderabschnitt von Frankfurt bis Schwedt nicht mehr als ein Schiff pro Tag unterwegs war. Ich werde kräftig angehupt, als ich nach links queren will und zusätzlich ordentlich belehrt, auch mit Hinweis auf den auf deutscher Oderseite stattfindenden Vatertag („Herrentag“), an dem der polnische Schiffsführer wohl mit aus anderen Gründen undisziplinierten Verkehrsteilnehmern rechnet. Wir fahren nun konsequenter dichter an Ufernähe, zumal wir bei dem starken Gegenwind Schiffe, die von achtern kommen, nicht hören können. In Höhe von Hohenwutzen schallt laute Vatertagsmusik herüber, aber wir bleiben auf dem Wasser und werden nach kurzer Zeit mit dem Anblick eines Seeadlers belohnt, der uns so weit herankommen lässt, dass ein Foto lohnt. Er wird nach dem Auffliegen zu seinem Beuterest zurückkehren! Das Paddeln gegen den Wind verlangt nach einer ausführlicheren Pause als sonst. Wir lassen uns Zeit und essen ausführlich. Der Kocher liefert heißes Wasser für einen guten Kaffee. Im seichten Uferbereich sind die Spuren von Flussmuscheln zu erkennen. Ich beschließe die Mittagspause mit einem erfrischenden Bad. Weiter begleiten den Oderlauf Deichlinien mit dem oft darauf verlaufenden Oder-Radwanderweg auf der linken Seite und ausgedehnt sich erstreckendem Grünland, eingefasst mit Weiden in Ufernähe, auf der rechten Seite. An späten Nachmittag suchen wir auf polnischer Seite nach einem geeigneten Zeltplatz, da auf deutscher Seite durchgängig NSG ist und finden alsbald besagte Kuhweide mit den ungeplanten Folgen - siehe oben! (46 km von Groß Neuendorf ) Nördlich von Schwedt verlässt die Grenzlinie den Oderstrom westlich und wir fahren nun richtig durch Polen bis Gryfino / Greifenhagen. In unserer Tourenbeschreibung steht etwas von einer „Marina“ und nach Rückfrage bei zum Glück deutsch sprechenden Menschen finden wir um zwei Ecken die Einfahrt zu einem hölzernen Bootssteg, der – für Segler gedacht – meinen eingeschlafenen Gliedern gerade noch so von der Höhe her den Ausstieg erlaubt. Die Zeltwiese ist eben und sauber, die zum Platz gehörenden Gebäude grau und einfach, das halb verfallene Plumpsklo, von Brennnesseln und anderen Wildpflanzen halb erobert, selbst für uns Hartgesottene eine Zumutung, aber es gibt nichts anderes! Von einer Jugendlichen mit spärlichen Englischkenntnissen erfahre ich immerhin, das wir hier erstens zelten dürfen und zweitens gratis. Das hat sie schnell mit einem Mobiltelefongespräch mit ihrem Vater abgeklärt, der wenig später mit einem Jollen-Segelkurs anlegt und mit Kommandoschwällen seinen Jugendlichen und uns demonstriert, dass er der Chef ist. Von freundlichen Nachbarn über den Zaun bekommen wir drittens nach einem komplizierten Gespräch mit fünf polnischen Wörtern meinerseits und sechs englischen von der anderen Seite des Zaunes Frischwasser und viertens dann auch irgendwie eine Beschreibung, wo wir es uns selbst zapfen können. Fünftens weist uns der Platzkommandant darauf hin, dass es unweit in einem Hallenbad Duschen gebe sowie andere Luxusangebote der zivilisierten Gesellschaft wie Sauna und so aber sechstens verzichten wir darauf und nehmen es wie ist, weil zehn Gehminuten zum Klo und zum Bad für Kanuten nach 43 Kilometern Gegenwind zu viel sind! Wer von DKV-Stationen entlang der Elbe verwöhnt ist, muss auch mal was anderes kennen lernen! Bei herrlich blauem Himmel und leichtem Wind geht es am nächsten Morgen auf Stettin zu – nur eine kurze Etappe von 21 km, weil wir uns am Nachmittag die Stadt anschauen wollen. Fritz führt gewohnt gut, wir biegen in einen Stichkanal ein und kurven an „repräsentativen“ Yachten mit und ohne Segel durch die Marina Dabie. Auch diesen Ausstieg bewältige ich mit Klaus‘ Hilfe: Mit Paddelbrücke und zusätzlicher Auflage stabilisiert er mein Boot, so dass ich aufstehen und aussteigen kann. Die Verhandlungen werden dadurch erleichtert, dass es einen freundlichen Menschen deutscher Herkunft gibt, der dem Hafenkapitän sprachlich zur Seite steht. Wir bekommen eine Slipanlage gezeigt, die zwar zum Queranlanden zu schmal ist; Mit Hilfe eines handgeschmiedeten Bootswagens können wir aber die Kajaks aufschwimmen lassen und sogar mit Gepäck an Land ziehen. Bald sind unsere Zelte aufgebaut und wir können uns mehrere Stunden darüber freuen, wie ein über uns angesiedelter deutscher Motoryachteigner über einen Unterschied von nur zwei Meter Höhe , aber von mindestens drei sozialen Klassen auf uns herab schaut. Eine letzte Chance miteinander ins Gespräch zu kommen, verspielen wir, als wir auf dem Boden hockend unsere Abendmahlzeit zubereiten. Sein Liegeplatz wird nach Breite seines Statussymbols berechnet, ich schlage dem Hafenkapitän für drei Kajaks, vier Leute und zwei Zelte fünfzig Zloty vor und das wird auch akzeptiert. Es gibt saubere sanitäre Anlagen und wer will, kann in einer Gaststube essen und trinken. Allerdings ist man dort nicht bereit mehr als 10 € in Zloty umzutauschen. Wenigstens kann ich davon erst einmal die Fahrkarten in die Stadt bezahlen und dort gibt’s mehr Zloty zu günstigerem Kurs! Die ehemalige Hauptstadt meines ehemaligen Geburtslandes besichtige ich dann doch allein, weil die anderen lieber im Grünen bleiben wollen. Mit Busanschluss von der Marina geht’s zwei Stationen bis zur Endhaltestelle der Straßenbahnlinie 2, die mich schnell an den Rand der Stettiner Altstadt bringt. Ein Versuch, während der Fahrt mit einem jüngeren Mann ins Gespräch zu kommen, um z.B. an der richtigen Stelle auszusteigen, scheitert an dem infernalischen Lärm, den die Stadtbahnwagen auf den maroden Gleisen erzeugen! Es schlingert und schaukelt und holpert und dröhnt, aber ich gelange an mein Ziel ohne dass die Bahn aus den Gleisen springt. Für Stettin-Besucher: Unbedingt ausprobieren – so etwas gibt es nicht mehr oft und nicht mehr lange! Die Altstadt ist noch nicht wieder in allen Teilen so restauriert, als dass sie ein touristischer Magnet wäre, aber durchaus sehenswert. Neuere Bezirke hin zur modernen Innenstadt entwickeln sich, es gibt einige attraktive Straßencafes und Restaurants entlang breiter, gepflegter Straßen und auch schon abseits davon und bei der Sommerwärme ist richtig was los. Ich entscheide mich nach einer Woche Zeltplatz für einen italienischen Nachmittag mit Capuccino und später an anderer Stelle mit einem leichten Fischgericht. Preise und Qualität stimmen und nach der Stärkung habe ich genug Lust mich noch zum Hafen hinunter zu schlagen und von der Oder her einen anderen Blick auf die Stadt zu werfen, der auch durchaus lohnenswert ist. Die Sommerhitze in der Stadt treibt mich aber bald wieder hinaus und so wage ich die Rückfahrt mit der Linie 2 zur Camping Marina und komme auch heil dort an. Mit ein paar gekühlten Bieren vom Kiosk stoße ich wieder zu meinen Freunden, die in doppeltem Sinne nicht „flüssig“ waren. Es ist lange hell und wir genießen die Ruhe am Wasser. Der nächste Morgen sieht uns auf dem Weg durch den Jezioro Dabie Male, den Kleinen Dammschen See, zu dem sich die Oder nun erweitert. Bei weiterhin strahlend blauem Himmel und angenehmen achterlichen Wind ziehen wir zunächst am östlichen Ufer entlang, bewundern noch eine riesige Biberburg und queren dann im Großen Dammschen See auf die linke Oderseite, um der Fahrrinne zu folgen, bis sie mit dem Hauptschifffahrtsweg zusammen trifft, der westlich einiger Inseln im Strom in den Stettiner Hafen und Industriehafen führt. Zu Wasser und in der Luft fallen uns außer einer Weihe und einem kleinen Schwarm Trauerseeschwalben Unmengen von Kormoranen auf, die in Ketten und Einserformationen mit bis zu einigen Hunderten unterwegs sind. Nach Durchquerung eines wunderschönen Seitenarmes mit ausgedehnten Feldern von Seerosen und Teichrosen führt uns unser Weg dann an der Kormorankolonie vorbei: Ein durchdringendes Geschrei und Gekrächze klingt herüber vom Uferrand aus Hunderten „weißgekalkter“ Bäume, die pausenlos angeflogen werden von rückkehrenden Eltern, die ihre hungrigen Jungen aus vollem Kropf füttern. Bei einer solch großen Kolonie kann auch der Vogelfreund nachvollziehen, dass die ansässigen Reusenfischer keine Freunde der Kormorane werden. Der Wind schiebt gut und nach 38 km erreichen wir den Sportboothafen von Trzebiez / Ziegenort, wo wir am Nachmittag unsere Zelte aufschlagen, wiederum für einen Preis, den wir eher für symbolisch erachten. Die sanitären Anlagen sind okay, das Duschen im Preis inbegriffen und der Umgang sehr zuvorkommend, auch wenn intensivere Gespräche sich nicht entwickeln können, weil der Hafenkapitän kein Englisch und wir kein Polnisch oder Russisch sprechen. Die Festlegung auf die Sprachen der jeweiligen Führungsmächte in Ost und West sind auch nach zwanzig Jahren noch spürbar, vor allem bei etwas älteren Leuten. Bei vielen jungen Polen – jedenfalls im städtischen Bereich – kann man durchaus auf Englisch Sprechende treffen. Am Abend tobt über uns das zweite Gewitter dieser Fahrt, so dass wir uns früher in die Zelte verziehen. So sind wir am nächsten Morgen gut ausgeschlafen und früh auf dem Wasser zu unserer letzten Etappe, die uns über 36 km nach Ueckermünde führen soll. Die Sonne lacht wieder und der Wind steht günstig aus SO. Auf halber Strecke rasten wir ausgiebig, auch der Hund muss sich ja hin und wieder bewegen, auch wenn er seinen Ausguck auf dem Vorderschiff durchaus genießt. In der Ferne sind verschwommen die bläulichen Konturen von Usedom und Wollin zu sehen, aber wir halten Kurs NW und bekommen dann doch widrigen Wind, so dass wir die letzten Stunden ganz schön durchziehen müssen. Wir ändern den direkten Kurs auf Ueckermünde und fahren die Uferlinie der Bucht des Stettiner Haffs etwas ausholender, um etwas unter Land zu kommen und den höher werdenden Wellengang zu vermeiden, der uns doch ganz schön ausbremst. Trotzdem kommt bald die gut zu findende Einfahrt in die Uecker in Sicht und wir fahren die paar Hundert Meter bis zum Gebäude der DgzRS, welches wir uns als Orientierungspunkt für die Einfahrt ins Grundstück des Schullandheimes gemerkt hatten. Eine Woche mit 237 Kilometern unvergesslich schöner und abwechslungsreicher Fahrt auf Oder und Haff liegen hinter uns! Bald sind die Boote an Land gezogen und über den Deich gekarrt. Auf der Rückseite der Gebäude können wir unsere Zelte aufschlagen und für eine geringe Gebühr dort übernachten. Heimleitung und Personal waren sehr entgegenkommend und wir können nur empfehlen, das Haus als Endpunkt der Fahrt einzuplanen. ( Daten dazu auf Anfrage bei Fritz Dreyer.) Wir beendeten unsere Sommerfahrt mit einem ausgedehnten Spaziergang nach Ueckermünde (ca. 4 km), den wir mit einem gemeinsamen Abendessen und einem kühlen Bier vom Fass abrundeten. Die Abkühlung von außen erhielten wir durch kräftige Gewittergüsse, die uns vom Lokal bis hin zum Zeltplatz überschütteten. Umso gemütlicher hinterher das letzte gemeinsame Glas Rotwein in Klaus‘ Tipi, das sich auch als Aufenthaltszelt für die ganze Mannschaft bewährt hat. Die Rückfahrt nach Frankfurt/Oder hat Längen, aber Klaus und ich konnten dann schon von dort nach Hause fahren, während Fritz und Renate zurück nach Ueckermünde wollten, um dort einen Besuch zu machen und anschließend noch heimlich ein Stück Peene zu paddeln. Danach war erst einmal die Schönwetterperiode vorbei und wir nehmen uns vor, auch in den nächsten Jahren den Mai und Juni für Sommergepäckfahrten zu nutzen. Die Teilnehmer grüßen!

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