Das Paradies vor der Tür

Eigentlich sollte es ja nur eine meiner üblichen Konditionstouren werden, Leine hoch und runter, dann zurück an den Schreibtisch. Doch schon beim Boot abladen empfängt mich eine wunderbare Stimmung. Ich habe noch die Sommerzeit in den Knochen und bin daher schon um 7 Uhr am Fluss. Durch dem Morgennebel malt die Sonne buntes Licht in die Schwaden. Ein Fotograf hatte sein Stativ am Ufer aufgebaut. Ich kann es nicht abwarten, endlich aufs Wasser zu kommen. Fast im Dauerlauf ziehe ich mit dem Boot los. Dabei ist der Steg noch gefroren und daher noch glatter als sonst. Die ersten Kilometer fahre ich durch dichten Nebel. Die so vertraute Strecke ist kaum wiederzuerkennen. Auch wenn die erhofften Biber schon in ihren Bauten sind, gibt es viel zu sehen. Immer wieder erheben sich Graureiher kurz vor mir aus dem Weiß - auch sie können mich viel später erkennen als sonst.

Ein Kormoran taucht kurz vor dem Boot auf. Bevor er in die Luft starten kann, muss er erst einmal den gefangenen Fisch hinunterschlucken. Beim Blick nach oben ist hinter dem Nebel schon blauer Himmel zu erahnen. Hunderte von Graugänsen ziehen über mich hinweg und leuchten schon in der Morgensonne. Als die Sonne den Nebel auflöst, kann ich nach und nach erst Mütze, dann Paddelpfötchen und schließlich die Jacke wegpacken. Es ist nahezu windstill und daher fühlt sich die Luft - zumal beim Paddeln gegen die Strömung - angenehm warm an. Als ich um 10 den Kanal erreiche, beschließe ich weiterzufahren. Der Tag ist zu schön, um früh an den Schreibtisch zurückzukehren. Ähnlich empfindet wohl auch die Sumpfschildkröte, die ich später am Ufer in der Sonne sehe. Schon vor zwei Wochen, da noch mit über 20° hat sie sich an dieser Stelle gesonnt. Sie lässt sich durch mein Fotografieren nicht stören und ich halte genug Abstand, um ihr Sonnenbad nicht zu unterbrechen.
Dann folgt die Rückfahrt. Sonst in den letzen Wochen durch den niedrigen Wasserstand eher ähnlich anstrengend wie der Aufstieg, bin ich nun euphorisch: Das bunte Herbstlaub malt in der schräg stehenden Sonne herrliche Farben an die Ufer. Das Ganze gibt’s gleich doppelt, weil das windstille Wasser alles spiegelt. Mehrere Bussarde, Eisvögel und Zwergtaucher begleiten meine Fahrt zurück. Die Schwäne, die seit einigen Wochen an der Leine sitzen, lasse sich durch mich nicht mehr stören. Längst sind die Drohgesten der ersten Begegnungen einem entspannten Miteinander gewichen. Auch wenn die Strömung mich manchmal dicht an sie heran schiebt, stecken sie weiter ihre Köpfe unter Wasser, um dort Futter zu suchen. Manchmal muss man gar nicht weit fahren, um einen paradiesischen Trag zu erleben.
Thomas Gleitz

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