Wintergepäckfahrt auf der Berounka

Wenn die Wehre nicht gewesen wären,. . .  

. . . . .. eine Wintergepäckfahrt auf der Berounka / Moldau

Vorab: Für die Berounka sind zwei detaillierte Flussbeschreibungen über das Internet verfügbar. Auf der Seite „Flusswandern.at“ ist eine relativ aktuelle (Stand August 2017), sehr umfangreiche und exakte Beschreibung einzusehen, anhand derer wir uns auch auf der Tour orientiert haben. Generell eine wirklich empfehlenswerte Seite, die noch eine Vielzahl sorgfältig recherchierter Flussbeschreibungen bereithält. Desweitern ist der Besuch der tschechische Internetadresse: https://www.vodackanavigace.cz/berounka-stupen?detailid=718 für interessierte Paddler an dieser Tour absolut lohnenswert. Dort sind alle Campingplätze, Brücken, Wehre und sogar Berge und Burgen exakt aufgelistet. Für alle Wehre sind fotographische Ansichten und Skizzen für die Befahrung hinterlegt. Die Beschreibungen und Gefahrenhinweise liegen allerdings nicht vollständig in englischer Übersetzung vor. Es besteht sogar die Möglichkeit, das gesamte Informationsmaterial per App auf dem Handy zu installieren.

 

Ein Erlebnisbericht:

Unsere Fahrt nach Prag, zum Zielpunkt unserer Wintertour, wurde von stürmischem Wetter begleitet, die Fahrverhältnisse waren dementsprechend denkbar anspruchsvoll.
Trotz vorheriger Anmeldung auf dem Campingplatz (Halbinsel/Moldau) mit Hinweis (!) auf die verspätete Ankunft, blieben alle Versuche mit den Betreibern des Campingplatzes Kontakt aufzunehmen erfolglos. Das Tor zum Platz blieb somit für uns verschlossen.
Kurz entschlossen - was blieb uns auch anderes möglich - übernachteten wir im Auto auf dem angrenzenden Parkplatz.
Kein guter Start, schließlich hatte ich mich für die Organisation der Reservierung verantwortlich gezeigt. Nur der Gedanke an die gesparte Übernachtungsgebühr konnte mich ein wenig aufmuntern.
Am nächsten Morgen war die Rezeption erfreulicherweise –trotz meiner Bedenken- kurz nach acht besetzt. Der sichere Standort für das Auto, während unserer Fahrt, war somit gesichert.
Also auf nach Pilsen, der Heimat des Pilsener Urquells (Bier) und Startpunkt unserer Tour. Auf der Hinfahrt schwand die kleine verheißungsvolle blaue Lücke im Wolkenfeld, es wurde grau, es schneite leicht, es sah von Minute zu Minute ungemütlicher aus. Die Einsetztstelle ließ sich entgegen der vorherigen Planung nicht direkt mit dem Auto anfahren. Von der einzigen Haltemöglichkeit waren somit ca. 300m mit dem Bootswagen zu überbrücken. Aber Emil und ich hatten durch diesen Umstand immerhin genügend Beschäftigung für die vierstündige Wartezeit, während des Versetzens des Autos (Pilsen-Prag) mittels öffentlicher Verkehrsmitteln (Prag-Pilsen).
Bereits beim Ausladen begann es heftiger zu schneien. Mir war furchtbar kalt, Emil und Thomas schien das Wetter so gar nichts auszumachen, mir schon. Aber nach Anlegen der warmen Winterausrüstung war meine Laune wieder bestens.
Inzwischen setzte dichtes Schneetreiben ein. Ich fand es richtig gut, weil wir schließlich eine Wintertour unternehmen, Emil fand es toll weil er eine riesige Schneekugel bauen konnte, Thomas fand es überhaupt nicht toll, weil die Straßen spiegelglatt waren und das dichte Schneetreiben die Sicht extrem einschränkte.
Gegen zwei Uhr war Thomas aber, schneller als erwartet, wieder bei uns.

Es geht los! Wir starten unsere Tour auf der Berounka

(Die Berounka entsteht durch Zusammenfluss von Mže und Radbuza und mündet nach 139,5 km in die Moldau. Wir starten exakt am Zusammenfluss)
Bereits nach wenigen Paddelschlägen erwarteten uns ganze Nutria-Horden. Darunter auch ein „goldschimmerndes Exemplar“. Ein verheißungsvoller Auftakt für unsere Tour auf der wir tatsächlich eine Vielzahl verschiedenster Tierarten beobachten konnten.
Das erste Wehr ließ nicht lange auf sich warten, bereits nach 4,3 km hieß es umtragen. Die Strecke war jedoch kurz und obwohl die Boote schwer beladen waren, glitten sie, mit nur mäßiger Kraftanstrengung, über die dichte Schneedecke. Am zweiten Wehr (Flusskilometer 129,8 ), es dämmerte schon, schlugen wir das erste Nachtlager auf. Ein warmes Essen, warme Getränke und kurz darauf krochen wir alle müde in unsere Schlafsäcke.
Als Abfahrtszeit war 8.00 Uhr festgesetzt, aber aus irgendeinem mysteriösen Grund hatte unser Gepäck am nächsten Morgen deutlich an Volumen zugenommen. Es wollte nicht passen, obwohl wir eigentlich eine festgelegte Packordnung hatten. Thomas war natürlich pünktlich abfahrtbereit, während wir noch eine knappe Stunde mit dem Verstauen kämpften. Um 9.00Uhr saßen wir dann alle in den Booten. Eine Stunde Verlust, die sich noch bitter rächen sollte.
Das nächste Wehr erwartete uns bereits nach 4 km, war aber verfallen und fahrbar, ebenso wie Wehr 120,7 km und Wehr 119,7 km (mit Holz-Rutsche!). Vier Wehr folgten in kurzen Abständen und jedes Mal hieß es: Austeigen- Umtragen, beziehungsweise Ziehen –Einsteigen. Alles kräftemäßig noch gut machbar, weil die Schneedecke und kurze Wege uns entgegen kamen. Die vielen Umtragestellen und der ständige Rückstau durch die Wehre führten aber dazu, dass wir lediglich eine Durchnittsgeschwindigkeit von 5 km pro Stunde erzielen konnten.
Landschaftlich war die Befahrung der Berounka dafür aber äußerst lohnenswert. Bergig zu beiden Seiten, mit dichten Wäldern und immer wieder mit dominanten Felsformationen durchsetzt. Zum Ausgleich erfreute uns der Fluss auch immer wieder einmal mit einer flotten Strömung.
Ein weiteres Wehr folgte und es war schon wieder an der Zeit einen geeigneten Platz für die Übernachtung zu finden. Unser schönster Zeltplatz dieser Tour wie ich finde. Am Fuße einer felsigen Erhebung auf deren Plateau sich eine verfallene Burgruine befand. Eine Lagerfeuerstelle von Steinquadern umrahmt rundete das Erscheinungsbild perfekt ab.
Zeit für ein erstes Lagerfeuer! Wir sammelten fleißig möglichst trockenes Holz und Thomas schaffte es tatsächlich in kürzester Zeit ein Feuer zu entfachen.
Ein Lagerfeuer hatte ich mir schon den ganzen Tag von Herzen gewünscht. Meine ehemals kuscheligen und warmen, angeblich wasserfesten Handschuhe, waren inzwischen von außen und innen klatschnass. Emil war beim Aussteigen Wasser in beide Neoprenstiefel gelaufen und wir wollten nach Möglichkeit so viel wie möglich trocknen.
Was soll ich sagen, die von Thomas prophezeiten Trocknungsschäden ließen nicht lange auf sich warten. Das abgelöste Gummi an den Neoprenstiefeln konnte man aber wieder ganz gut andrücken. Nur für meine Handschuhe war es das Ende. Ein „Verschmelzungs-Schaden“  wurde am Folgetag leider zum „Loch-Schaden“
Die Kilometer Bilanz unserer bisherigen Fahrt war bisher ernüchternd. Nach einem und einem „Drittel- Tag“ nur 47 km von 146 km bis zum Zielpunkt in Prag. Wie sollten wir 99 km in nur zwei Tagen schaffen? Die Wunschvorstellung war am Samstagabend in Prag anzukommen, am Sonntag noch ein wenig die Altstadt (UNESCO-Weltkulturerbe)  zu besichtigen und gegen Mittag nach Hause zu fahren. Eines war schon jetzt klar, die Durchschnittsgeschwindigkeit ließ sich aufgrund der vielen Wehre kaum steigern, blieb nur der Ausweg über längere Paddelzeiten.
Emil und ich standen diesmal früher als Thomas auf, bekamen mit einer neuen Arbeitsteilung und Organisation eine kürzere Packzeit zustande und wir konnten immerhin schon kurz nach acht starten.
An diesem Tag erwarteten uns acht Wehre, am liebsten würde ich sie alle detailliert mit Fluss Kilometern aufführen, damit allein das mühsame Lesen die Qualen widerspiegelt. Zwei waren immerhin fahrbar.
Meine Frage nach jedem Wehr war nur noch: „In drei Kilometern?“ Antwort von Thomas meistens „Ja“. „Fahrbar?“ Antwort meistens „Nein“ Die Umtragestrecken wurden immer länger, immer häufiger mussten wir einen Bootswagen verwenden. Mit kalten,nassen Händen kein Vergnügen. Die Aussetz- und Einsetzstellen wurden immer steiler, teilweise konnten wir nur gemeinsam mit Seil-Technik die Boote ans Ufer ziehen und wieder einsetzen.
Wir begannen Wehre von ganzem Herzen zu verabscheuen. Dass es noch schlimmer werden würde, konnten wir uns zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht ausmalen. Aber das wurde es.
Bevor es dunkel wurde fanden wir einen wenig idyllischen Zeltplatz an einer Bahnstrecke. Nach dem Essen dann die Besprechung der Bilanz des Tages:  46km hatten wir geschafft. Unglaublich. Blieben nur noch 53 bis Prag. Das war mit Glück machbar, sofern wir richtig früh lospaddeln würden. Da wir keinen Zeltplatz suchen mussten, denn am Zielpunkt stand das Auto, konnten wir das letzte Stück auch in der Dämmerung auf der Moldau fahren. Entscheidend war jedoch, dass wir das letzte Wehr auf der Moldau, mit der als wuchtig und schnell beschriebener Bootsgasse, noch im Tageslicht fahren konnten.
Ich wollte es unbedingt am nächsten Tag bis Prag schaffen. Alles war inzwischen völlig durchnässt. Ersatzhandschuhe, Ersatz-Paddelpfötchen, Zelt, Schlafsack einfach alles. Im trockenen Auto schlafen und am Campingplatz heiß Duschen, ein Traum!
In der Nacht wurde ich durch das Geräusch von Regen wach. Das durfte nicht wahr sein. Durch das Tauwetter entfiel die Schneedecke, die uns das Umtragen bzw. Umziehen der Boote so sehr erleichtert hatte.
Am nächsten Morgen starteten wir tatsächlich noch bevor es richtig hell wurde. Mal wieder acht Wehre auf der Berounka, einmal treideln, zweimal fahren, ansonsten umtragen/ziehen. Die übliche Zieh-Methode funktionierte im Schlamm nur halb so gut. Inzwischen war alleine das Aussteigen aus dem Boot schon anstrengend. Soviel ich auch ziehen und zerren mochte, das schwere Boot bewegte sich nur zentimeterweise vorwärts.
Dabei musste es doch schnell gehen, wollten wir das Ziel Prag heute noch erreichen. Keine Ahnung woher Thomas die Kraft genommen hat, aber während Emil und ich höchstens zwei bis drei Meter zurückgelegt hatten, war sein Boot schon an der Einsetzstelle. Anschließend hat Thomas jedes Mal mein Boot zügig zum Ziel bewegt, während Emil und ich gemeinsam „Cantalupo“ vorwärts zerrten.Immerhin war die Landschaft grandios. Die Felsenwände wurden immer weitläufiger und bildeten bizarre Formationen. Man konnte diverse Gesichter, Tiere und Höhleneingänge entdecken.
Die Burgen, Ruinen und Kirchen auf den Felsspitzen hätte ich mir eigentlich auch gerne näher angesehen.
Aber wir hatten ein Ziel vor Augen, vorwärts!
Je näher wir der Großstadt Prag kamen desto urbaner wurde auch die Landschaft. Dennoch durchzogen auch immer wieder einsame Waldstrecken die Bebauung. Die Eisvögel hat leider nur Thomas entdeckt, aber auch wir konnten eine Vielzahl an Tiere beobachten.
Um 15.00 Uhr war der Zeitpunkt der Entscheidung gekommen. Können wir es schaffen, oder müssen wir doch noch einen Zwischenhalt einplanen? Wir waren erstaunlich gut vorangekommen. Also mit verbliebener Kraft weiter. Irgendwann war die Mündung in die Moldau erreicht, jetzt nur noch 6 km, aber da war noch die als sehr wuchtig und schnell beschriebene Bootsgasse zu meistern. Nach Besichtigung befand Thomas sie nicht nur als fahrbar, sondern als „das wird Spaß machen“. Dazu muss bemerkt werden, dass Thomas und ich was „spaßige Stellen“ betrifft nicht unbedingt die gleiche Auffassung haben. Ich habe mir dann erst mal angeschaut wie Thomas und Emil das ganze bewerkstelligten, es schien tatsächlich gut machbar. Umtragen war die eindeutig schlechtere Option und was soll ich sagen, nachdem alles gut gegangen war, kann ich behaupten: Es war „etwas“ spaßig und vor allem war es das LETZTE WEHR unserer Tour!
Auf den noch bevorstehenden 5 km bis zum Ziel wurde es zunehmend dämmeriger und da es sich bei der Moldau eine  Schifffahrtsstraße handelte,  fuhren wir in Formation dicht am Ufer entlang. Die Strecke zog sich hin……….
Dann: Endlich die Spitze der Halbinsel; der tschechische Kanu-Stützpunkt, den wir schon auf der Hinfahrt entdeckt hatten – das Ziel liegt in greifbarer Nähe-  der Beginn des Campingplatzes ist in Sicht – nur noch wenige Meter und dann noch ein paar Meter -der Schwimmsteg ist bereits vage zu erkennen. Jetzt sind es wirklich nur noch einige Paddelschläge…. Wir haben es geschafft!
Der Transport der Boote per Bootswagen zum Campingplatz ist nur noch Nebensache.
Wir belohnen uns mit einer unerträglich heißen Dusche, die sich einfach nicht herunterregulieren lässt (Vermutung: es handelte sich gar nicht um fast kochendes Wasser, wir sind Wärme einfach nicht mehr gewohnt). Wir essen gemütlich im warmen, geheizten Auto (Es regnet draußen in Strömen!)
Wir trinken Wein und besprechen die Probleme des Klimawandels und ich bin glücklich und stolz, dass wir das Unmögliche geschafft haben: Wir sind in Prag angekommen!!
 
 

02.01.2019 Berounka  Pilsen - Wehr Bukovec (km 129,8) 10
03.01.2019 Berounka  Wehr Bukovec - Wiese hinter Wehr Podkraisowsky mlyn (km 92,5) 37
04.01.2019 Berounka  km 92,5 - Biwakplatz bei km 46,5 46
05.01.2019 Berounka - Moldau  km 46,5 - Caravan Camping Prag (km 57) 53

 
(Hauptakteurin Berounka: 29 Wehre / Text: Svea / Fotos: Thomas und Emil)
 
 

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